Wie KI sucht
Was suchen KI-Systeme, bevor sie antworten, und was heisst das für SEO?
Was zwischen Frage und Antwort passiert
Eine Kundin fragt: „Welcher Onlineshop liefert leichte Trailrunning-Schuhe in Grösse 39 innerhalb von zwei Tagen nach Bern?“
Ein KI-System mit Websuche schickt diesen Satz nicht unverändert an eine Suchmaschine. Es zerlegt ihn in eigene, kürzere Suchanfragen, etwa „leichte Trailrunning-Schuhe Test“ und „Laufschuhe Onlineshop Schweiz Lieferzeit“. Google nennt dieses Vorgehen Query Fan-out. Die Ergebnisse dieser Teilsuchen werden abgerufen, gelesen und zu einer Antwort verdichtet.
Wie verbreitet das ist, zeigt eine Auswertung von AirOps (April 2026): Rund 16'900 Anfragen in zehn Kategorien wurden je dreimal an ChatGPT gestellt. Bei 88,6 % der Anfragen erzeugte das System genau zwei Teilsuchen, bei 8,8 % keine.
Der Rang in den Teilsuchen hängt eng mit Zitationen zusammen
Aus derselben Auswertung:
- Seiten auf Platz 1 einer Teilsuche wurden zu 58 % zitiert, Seiten auf Platz 10 zu 14 %.
- Über alle Durchläufe betrachtet wurden 58 % der Seiten nie zitiert und 25 % jedes Mal, wenn sie in den Suchergebnissen auftauchten. Nur rund ein Sechstel liegt dazwischen.
- Seiten, deren Überschrift die Frage klar trifft, wurden zu 41 % zitiert, schwach passende zu 29 %.
- Sehr lange Seiten (über 5'000 Wörter) wurden etwas seltener zitiert (29 %) als Seiten mit 500 bis 2'000 Wörtern (33 bis 34 %).
Eine Auswertung eines früheren AirOps-Datensatzes durch ALM Corp (März 2026) ergänzt: 56 % der von ChatGPT zitierten Seiten standen für die ursprüngliche Frage oder mindestens eine Teilsuche in Googles Top 20. Ein Drittel der zitierten Seiten tauchte nur in den Ergebnissen der Teilsuchen auf, nicht in denen der ursprünglichen Frage.
Für Google gibt es dazu eine Auswertung von Ahrefs. Danach stammten im Juli 2025 noch 76 % der Quellen in Google AI Overviews aus den Top 10 für die gestellte Frage, im Februar 2026 waren es 38 %. Ahrefs nennt als Gründe das Gemini-3-Update und Quellen aus Teilsuchen und weist darauf hin, dass ein Teil der Veränderung auf eine verbesserte Erfassung zurückgehen kann.
Was daraus folgt: SEO wird für KI-Antworten nicht überflüssig. Seiten mit gutem Rang in den Suchen, die das System selbst stellt, werden deutlich häufiger zitiert. Eine Garantie ist der Rang nicht: Rund 44 % der zitierten Seiten standen für keine dieser Suchen in Googles Top 20.
Gefunden werden setzt voraus, dass es etwas zu lesen gibt
Eine Seite kann bei Google gut ranken und für KI-Systeme trotzdem leer sein. Google rendert JavaScript. Die Crawler von OpenAI, Anthropic und Perplexity taten das laut einer Auswertung von Vercel (Dezember 2024) nicht; Gemini nutzt die Infrastruktur von Googlebot. Lädt ein Shop seine Produktdaten erst per JavaScript, sehen diese Crawler nur eine Hülle.
In einer unserer Pilotmessungen lieferte der Shop eines Schweizer Herstellers, der an Unternehmen und an Privatkunden verkauft, ohne JavaScript auf Start-, Kategorie- und Produktseiten dieselbe leere Seite. Perplexity nannte den Anbieter in 146 Antworten kein einziges Mal. Andere Systeme, deren Crawler ebenfalls kein JavaScript ausführen, nannten ihn dagegen gelegentlich, vor allem über die API. Ob die leere Seite bei Perplexity eine Rolle spielt, haben wir nicht gemessen. Sicher ist: Was nicht ausgeliefert wird, kann ein Crawler ohne JavaScript nicht lesen.
Mehr zum technischen Hintergrund: Client-Side Rendering
Drei Punkte, die klassisches SEO nicht abdeckt
1. Die Teilsuchen sind unsichtbar für Keyword-Tools
Laut der ALM-Auswertung hatten 95 % der Teilsuchen kein messbares monatliches Suchvolumen. Das ist folgerichtig: Diese Suchen tippt kein Mensch, ein System formuliert sie. Sie tauchen deshalb in Keyword-Recherchen kaum auf. Wer seine Inhalte nur nach Suchvolumen plant, plant an einem Teil der Suchen vorbei, die KI-Systeme tatsächlich ausführen.
Die einzige Art, diese Teilsuchen zu kennen, ist, sie zu beobachten: bei echten Abfragen mitprotokollieren, welche Suchen ein System auslöst und welche Seiten es dabei abruft.
2. Nicht jedes System sucht bei Google
„SEO“ heisst in der Praxis meist Google-SEO. KI-Systeme stützen sich aber auf unterschiedliche Suchindizes. Stand Oktober 2026, soweit öffentlich bekannt:
| System | Suchindex | Wie gesichert |
|---|---|---|
| Google AI Overviews, AI Mode, Gemini | offiziell | |
| Microsoft Copilot | Bing | offiziell |
| ChatGPT | gemischt: eigener Crawler und Index, dazu mehrere externe Suchanbieter | Gewichtung nicht offengelegt; eigener Index laut Analyse von Peec AI (September 2026) |
| Claude | Brave Search | Anthropic führt Brave Search als Unterauftragnehmer für die Websuche (Stand Oktober 2026) |
| Perplexity | eigener Crawler und Index | laut Perplexity; ob ergänzend Drittquellen genutzt werden, ist nicht offengelegt |
Für Schweizer Shops hat das eine einfache praktische Folge: Eine Website, die bei Google gut dasteht, aber bei Bing nicht vollständig indexiert ist, kann in einem Teil der KI-Antworten von vornherein fehlen. Ob die eigene Website in Bing und Brave indexiert ist, lässt sich in wenigen Minuten prüfen: für Bing über die Bing Webmaster Tools, für Brave mit einer site:-Suche auf search.brave.com. Neue oder geänderte Seiten lassen sich über IndexNow aktiv melden.
3. Gefunden ist nicht gewählt
Die Auswertung von ALM Corp zeigt auch: Von allen Seiten, die ChatGPT im Lauf einer Antwort abruft, werden nur rund 15 % am Ende zitiert. Und zitiert heisst noch nicht empfohlen. Ein System kann Ihre Seite lesen, Ihre Marke nennen und trotzdem einen anderen Shop empfehlen.
Für die Frage, warum jemand gefunden, aber nicht gewählt wird, sagt die Rangposition allein wenig. Naheliegende Kandidaten sind, was auf der Seite steht und was Dritte sagen: ob die Kaufbedingungen eindeutig sind, ob Produktdaten vollständig und maschinenlesbar sind, ob Marke und Shop als ein Unternehmen erkennbar sind und ob Vergleichsportale oder Fachmedien den Anbieter einordnen. Belegt ist der Beitrag der einzelnen Faktoren bisher nicht.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Fall aus einer unserer Pilotmessungen: Wann fällt ein bekannter Shop aus KI-Empfehlungen heraus?
Zwei verschiedene Probleme, zwei verschiedene Zuständigkeiten
Daraus ergibt sich eine nützliche Unterscheidung für jede Diagnose:
Nicht gefunden. Die Seite taucht in den Teilsuchen nicht oder zu weit hinten auf, sie ist im Index eines Systems gar nicht vorhanden, oder ihr Inhalt wird ohne JavaScript nicht ausgeliefert. Das ist ein Such-, Indexierungs- oder Technikproblem. Es gehört zur SEO-Arbeit, mit der Ergänzung, dass die relevanten Suchen beobachtet statt aus Keyword-Tools abgeleitet werden und dass Bing und Brave mitzählen.
Gefunden, aber nicht gewählt. Die Seite wird abgerufen oder sogar zitiert, die Empfehlung fällt trotzdem auf einen anderen Anbieter. Das ist eine Frage der Inhalte, Daten und Signale, die das System bei der Auswahl vorfindet. Hier hilft der Vergleich mit den Anbietern, die tatsächlich gewählt werden: Was steht bei ihnen eindeutig, was bei Ihnen nicht?
Wer beide Probleme in einer Kennzahl zusammenfasst, weiss am Ende nicht, wo er ansetzen soll.
Was Sie jetzt konkret tun können
- Ohne JavaScript prüfen: Rufen Sie eine Produktseite mit deaktiviertem JavaScript auf. Stehen Name, Preis und Verfügbarkeit nicht im HTML, sehen viele KI-Crawler sie nicht.
- Indexierung prüfen: In der Google Search Console und in den Bing Webmaster Tools nachsehen, ob Ihre wichtigsten Produkt-, Kategorie- und Konditionsseiten indexiert sind. IndexNow einrichten.
- Überschriften an Fragen ausrichten: Seiten zu Versand, Rückgabe, Zahlung und Produkteignung so überschreiben, wie die Frage lautet, nicht wie die interne Navigation.
- Kurz und strukturiert statt lang: Unsere Empfehlung, nicht Ergebnis der Studie: Auf Produktseiten Listen und Tabellen für Eigenschaften, Eignung und Konditionen. Sehr lange Texte schnitten in den AirOps-Daten jedenfalls nicht besser ab.
- Teilsuchen beobachten: Bei Messungen mitprotokollieren, welche Teilsuchen die Systeme zu Ihren wichtigsten Kauffragen auslösen, und prüfen, wo Sie bei genau diesen Suchen stehen.
- Gefunden und gewählt getrennt auswerten: Erst klären, ob Sie gefunden werden. Dann, ob Sie gewählt werden. Die Massnahmen sind verschieden, und oft auch die Zuständigen.
Grenzen der zitierten Studien
Die AirOps-Daten stammen nur von ChatGPT, über drei Durchläufe, ohne ausgewiesene Sprache oder Land. Sie messen Zitationen, nicht Empfehlungen, und zeigen Zusammenhänge, nicht was wozu führt. Die ALM-Auswertung beruht auf einem anderen, früheren Datensatz von AirOps; ihre Zahlen lassen sich nicht direkt mit dem April-Bericht verrechnen. Dass Domain-Stärke und Backlinks in den AirOps-Daten keinen positiven Zusammenhang mit Zitationen zeigen, gilt nur für Seiten, die bereits abgerufen wurden. Ob eine Seite überhaupt abgerufen wird, kann trotzdem von Autorität abhängen. Die Vercel-Daten zum JavaScript-Rendering stammen von Ende 2024; die Crawler können sich seither verändert haben. AirOps verkauft selbst Software für Inhalte, Peec AI Software zur Messung von KI-Sichtbarkeit. Für deutschsprachige Anfragen in der Schweiz gibt es nach unserem Kenntnisstand noch keine vergleichbare öffentliche Auswertung.
Quellen
- AirOps: The Fan-Out Effect (April 2026)
- ALM Corp: Why 85 % of Pages ChatGPT Retrieves Are Never Cited (März 2026)
- Ahrefs: Update: 38% of AI Overview Citations Pull From The Top 10 (März 2026)
- Vercel: The rise of the AI crawler (Dezember 2024)
- Peec AI: ChatGPT built its own search index (September 2026)
- Anthropic: Unterauftragnehmerliste (Trust Center, Reiter „Subprocessors“, abgerufen Oktober 2026)
- TechCrunch: Anthropic appears to be using Brave to power web searches for its Claude chatbot (März 2025)
- Microsoft: Copilot und Websuche über Bing
- Perplexity: Introducing the Perplexity Search API (September 2025)
- Eigene Messung: Pilotmessung bei einem Schweizer Hersteller mit Geschäfts- und Privatkunden, August 2026, 146 Antworten über Perplexity. Anbieter anonymisiert.